Die Morgenchronik
Neue Alpen-Bohrkerne zeigen, wie Gebirge und Drift Europas Arteninseln schufen
Forscherteam verknüpft Orogenese, wandernde Kontinente und alte Landbrücken mit heutigen Endemiten-Hotspots — und warnt vor „unsichtbaren Barrieren“ im Klimawandel.
WISSENSCHAFT & UMWELT
INNSBRUCK — Freitag, 7. Februar 2026
Von Lena Hartwig

Ein internationales Team hat in dieser Woche in Innsbruck Bohrkerne, Fossilfunde und Genomdaten vorgestellt, die ein gemeinsames Muster zeichnen: Wo sich Erdkruste auftürmt oder Kontinente auseinanderdriften, entstehen Grenzen — und mit ihnen Arten, die nirgendwo sonst vorkommen.
Die Ergebnisse wurden beim fiktiven „Forum für Dynamische Biogeographie“ an der Universität Innsbruck präsentiert, begleitet von einer provisorischen Karte, auf der nicht Ländergrenzen, sondern „Barrieren“ markiert sind: Hochgebirge, tiefe Meeresarme, aride Gürtel und ehemalige Landbrücken.
„Wir sehen in den Genomen eine Art Stempel: Isolation über lange Zeit — und dann plötzlich wieder Kontakt“, sagte Tagungsleiterin Dr. Mirela Stojanović, die eine neue Datensynthese aus 18 Regionen koordinierte. „Diese Kontakte hinterlassen Mischfaunen, Invasionen und manchmal explosionsartige Aufspaltungen.“
Karte-im-Kopf: Wo Barrieren entstehen, wo Brücken auftauchen
Auf der großen Wandkarte im Hörsaal waren drei Zonen mit roter Kreide eingerahmt:
- Südamerika und Mittelamerika: Ein schmaler Streifen an der heutigen Landenge, an dem laut Team „eine Brücke“ entstanden sei — und daneben zwei Pfeilbündel in entgegengesetzte Richtungen.
- Der Nordpazifik-Rand: Zwischen Sibirien und Alaska war ein breites, blassgraues Band eingezeichnet, beschriftet mit „flaches Schelf, wechselnde Küstenlinien“.
- Zentralasien bis Mittelmeerraum: Eine gezackte Linie folgte den Hochgebirgen vom Kaukasus über den Himalaya bis in die Alpen. Südlich davon lagen beige Flächen mit dem Vermerk „Trockenheitsgürtel“.
„Stellen Sie sich vor, Sie laufen als Tier nicht auf einer Landkarte, sondern durch Temperatur, Höhe und Wasser“, sagte Stojanović. „Dann sind Küstenlinien, Gipfelketten und Wüsten nicht Kulisse, sondern Zäune oder Korridore.“
Ursache → Wirkung (Pfeildiagramme in Worten)
Auf einem Flipchart sammelte das Team die Mechanik hinter den Daten. Mehrere Blöcke wurden im Laufe der Sitzung ergänzt:
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Kontinentaldrift → Ozean öffnet sich → Populationen werden getrennt → Endemismus nimmt zu → biogeographische Regionen schärfen sich
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Orogenese (Gebirgsbildung) → Höhenstufen und Regenschatten entstehen → Klimazonen werden kleinräumig → Barrieren im Tal/Pass-System → genetische Linien splitten → lokale Radiation in „Inseln aus Habitat“
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Meeresspiegel fällt → Kontinentalschelf wird Landbrücke → Austauschereignis beginnt → Invasionen und Faunenmischung → Konkurrenz/Neubesetzung → neue Verbreitungsgrenzen
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Klimawandel → Barrieren verschieben sich (Schneelinien, Trockenheitsfronten) → alte Korridore schließen/öffnen → Areale zerfasern → Endemiten verlieren Ausweichräume
Signaturen alter Austauschereignisse: „Mischfaunen“ und plötzliche Sprünge
Besondere Aufmerksamkeit bekam ein Datensatz, den die Forschenden „Panama-Signatur“ nannten: In Küstenwäldern beider Amerikas zeigten mehrere Tiergruppen laut Vortrag „nahezu zeitgleiche“ Wanderungs- und Aufspaltungsphasen.
„Wir finden in unabhängigen Linien denselben Takt: Erst Einwanderung, dann rasche Verzweigung“, sagte Genetikerin Prof. Salomé Varela. „Und man erkennt die Richtung: Bestimmte Stammbäume haben ein auffälliges Nord-zu-Süd-Gefälle, andere spiegeln es.“
Ein zweiter Block drehte sich um den Bering-Raum. Hier, so die Präsentation, hinterließen wechselnde Küstenlinien nicht nur eine Spur in Säugetier-Genomen, sondern auch in Pollenprofilen. „Wenn die Verbindung da ist, sieht man ein Aufflammen von Verbreitung — und wenn sie fehlt, einen harten Schnitt“, sagte Varela.
Barrieren in drei Typen: ozeanisch, orographisch, klimatisch — und ihre Regionen
Die Tagung fasste Barrieren in drei Kategorien, die in den Fallstudien wiederkehrten:
- Ozeanische Barrieren: tiefe Meeresarme, Inselketten, Strömungen.
- Orographische Barrieren: Gebirgsketten, Pässe als Nadelöhre, Becken als „Kaltluftseen“.
- Klimatische Barrieren: Wüstengürtel, Monsunfronten, Frostgrenzen.
Mehrere Referenten ordneten ihre Daten klassischen biogeographischen Großräumen zu, sprachen aber zugleich von „Überlappungszonen“. „Regionen sind keine Linien, sondern Ränder“, sagte der Biogeograph Dr. Oskar Renner. „Und an Rändern passieren die interessanten Dinge: Austausch, Hybridisierung, Verdrängung.“
Kontrastbeispiel 1: Inselbogen vs. Kontinentalschelf
Inselbogen (ozeanisch):
Auf einem Panel zu einem fiktiven Westpazifik-Inselbogen berichteten Forschende von Eidechsen und Käfern, deren nächste Verwandte „auf der falschen Seite des tiefen Grabens“ leben. „Hier ist die Barriere Wasser — konstant, tief, gnadenlos“, sagte Inselökologin Dr. Keiko Matsuda. In ihren Daten folgten Endemiten einem Muster aus kleinen Verbreitungsinseln, jede mit „eigener Signatur“.
- Tiefseegraben zwischen Inseln → kaum natürlicher Austausch → viele kleine Endemiten → starke Radiation innerhalb einzelner Inseln
Kontinentalschelf (flach):
Demgegenüber präsentierte ein Team aus Nuuk und Tromsø Funde von Kleinsäugern und Pflanzen, die während Kaltzeiten „über weite, heute überflutete Flächen“ gewandert seien. „Auf dem Schelf ist Wasser keine feste Mauer, sondern eine Frage der Höhe“, sagte der Geologe Dr. Arvid Nilsen.
- Flacher Schelf + Meeresspiegel sinkt → Land wird begehbar → großräumiger Austausch → Mischfauna → Endemismus eher in Rückzugsräumen
Kontrastbeispiel 2: Gebirge vs. Flachland
Gebirge (orographisch):
Ein Alpen-Projekt, auf das sich die Tagung mehrfach bezog, verknüpfte Bohrkerne aus Vorlandbecken mit Genomdaten von Schnecken, Enzian und Kleinsäugern. „Wir sehen im Gebirge die kleinteilige Trennung — jedes Tal wie ein Archiv“, sagte die Paläontologin Dr. Hannah Koller. In mehreren Fällen zeigten Populationen auf benachbarten Hängen deutliche Unterschiede, obwohl die Luftlinie kurz ist.
- Gebirge wächst → Täler schneiden sich ein → Pässe werden selten → Isolation auf engem Raum → Endemiten-Hotspots
Flachland (offen, klimatisch gesteuert):
In einem gegenteiligen Beispiel aus einer fiktiven osteuropäischen Tiefebene seien Grenzen weniger durch Relief, sondern durch Feuchte- und Temperaturkorridore bestimmt. „Hier entscheidet nicht der Berg, sondern der Gürtel — wo Steppe in Wald kippt, kippen auch die Arten“, sagte Renner. In trockenen Phasen, so der Vortrag, wanderten Steppenarten weit; in feuchten Phasen schoben sich Waldarten nach.
- Klimagürtel verschiebt sich → Lebensräume wandern → Areale verschmelzen/zerfallen → schnelle Faunenmischung, wenig stabiler Endemismus
Konsequenzen: Wenn neue Barrieren schneller sind als Wanderungen
Am Ende der Konferenz wurde es politischer. Mehrere Arbeitsgruppen warnten, heutige Infrastruktur könne „harte Barrieren“ dort schaffen, wo früher Korridore lagen — etwa durch Zerschneidung von Tälern, Küstenverbau oder Trockenlegung von Feuchtgebieten.
„Wir reden über Gebirge und Meere, aber manchmal ist es die Autobahn im Pass, die den Austausch kappt“, sagte Koller. „Die Archive in den Genomen zeigen, was passiert, wenn Isolation zu lange dauert — nur dass wir jetzt den Takt beschleunigen.“
Die Organisatoren kündigten an, die vorgestellten Datensätze in einer offenen, gemeinsam gepflegten Karte zusammenzuführen — eine Karte, die, wie Stojanović sagte, „nicht zeigt, wo Länder sind, sondern wo Bewegung möglich ist.“