Die Havelstädter Zeitung
Wenn der Wald zur Map wird: Fragmentierung verschiebt Regeln für Tiere von der Spur bis zur Metapopulation
Ein neues Gutachten zur regionalen Umgehungsstraße zeigt, warum Barrieren Bewegung, Paarung und Genfluss anders beeinflussen als lokale Aussterben — und weshalb Korridore eher an Spawnpunkte und Chokepoints erinnern als an grüne Deko.
WISSENSCHAFT & UMWELT
HAVELSTADT — Samstag, 7. Februar 2026
Von Lea Hartmann

Als die Feldbiologin Mara Seidel am Rand des geplanten Trassenkorridors ihr Tablet hochhielt, sah das Waldstück auf dem Display weniger nach Landschaft aus als nach einer Spielkarte: Zonen in unterschiedlichen Farben, schmale Verbindungslinien und rote Punkte, die sie „Spawnpunkte“ nannte. „Wenn wir verstehen wollen, was eine Straße anrichtet, müssen wir auf mehreren Ebenen schauen“, sagte sie. „Sonst streiten wir über einzelne Spuren im Sand, während im Hintergrund die ganze Map umgebaut wird.“
Der Termin am Freitag war offiziell eine Ortsbegehung für den Umweltbericht zur neuen Umgehungsstraße südlich von Havelstadt. Inoffiziell war er eine Lehrstunde darin, wie ökologische Prozesse je nach Maßstab andere Gesetze zu haben scheinen — vom einzelnen Tier über eine lokale Population bis hin zur Metapopulation, einem Netzwerk aus Teilbeständen, die durch Zu- und Abwanderung verbunden sind.
Die Planer hatten Markierungsstäbe entlang der künftigen Trasse gesetzt. Dazwischen lagen Inseln aus Kiefern- und Buchenwald, getrennt durch Äcker, Gräben und einen alten Bahndamm. Für Spaziergänger ist das ein Mosaik. Für viele Arten ist es, wie Seidel es formulierte, „eine Map mit Zonen, Spawnpunkten und Chokepoints“.
Individuum: Bewegung wird zur Wette auf das nächste Feld
Am sichtbarsten, so Seidel, verändert Fragmentierung das Verhalten einzelner Tiere. „Für ein Individuum ist die Welt eine Abfolge von Entscheidungen: gehe ich raus aus der Deckung, wo finde ich Nahrung, wo schlafe ich“, sagte sie und zeigte auf eine Schneise, die im Sommer als Maisfeld genutzt wird. „Eine offene Fläche ist für manche Arten wie ein riskanter Sprint durch eine freie Zone.“
Der Revierjäger Paul Döring, der die Begehung begleitete, berichtete von Rehen, die in den vergangenen Jahren häufiger an der Kreisstraße verunglückt seien, seit ein nahegelegenes Gebüsch gerodet wurde. „Die wechseln jetzt an anderen Stellen, oft genau da, wo es am ungünstigsten ist“, sagte er.
Die Gutachter vermerken in ihrem Entwurf, dass Barrieren nicht nur „harte“ Hindernisse sind. Auch ein Acker kann für eine Waldmaus, einen Laufkäfer oder ein Amphibium eine Grenze sein. Die Folge: Tiere bewegen sich seltener zwischen geeigneten Bereichen, oder sie nutzen nur wenige Übergänge. Auf der Gaming-Map entspräche das einem Spiel, in dem die meisten Spieler denselben Engpass nehmen müssen.
„Chokepoints machen Wege berechenbar“, sagte Seidel. „Für Prädatoren auch.“ In den Aufzeichnungen ihrer Arbeitsgruppe tauchen wiederholt Hinweise auf: Füchse und Marder patrouillieren bevorzugt an Grabenquerungen und Feldwegen, wo Kleintiere passieren müssen. „Das ist wie Campen am Spawnpunkt“, sagte sie. Der Vergleich war im Kreis aus Planern und Behördenvertretern ungewöhnlich, aber er blieb hängen.
Population: Paarung wird zum Flaschenhals, Genfluss zum Lotteriespiel
Auf der Ebene der Population verschiebt Fragmentierung laut Gutachten vor allem die Regeln für Paarung und Genfluss. „Wenn Individuen seltener wechseln, trifft man sich seltener mit Fremden“, sagte Seidel. „Und dann wird aus ‘Wer passt zu mir?’ schnell ‘Wer ist überhaupt da?’“
Das lässt sich nicht immer an einem dramatischen Ereignis ablesen. Eher zeigt es sich in der Zusammensetzung innerhalb eines Teilgebiets: In einem Waldpatch können plötzlich viele Tiere ähnliche Merkmale teilen, weil über mehrere Jahre dieselben Familienlinien dominieren. Der Populationsgenetiker Dr. Imran Yilmaz von der fiktiven Landesuniversität Westmark sprach von „stillen Engpässen“. „Man merkt es erst spät, wenn die Reaktionsfähigkeit auf Krankheiten oder Extremwetter sinkt“, sagte er.
Der Umweltbericht beschreibt einen konkreten Mechanismus, der bei der geplanten Trasse relevant ist: Die Straße würde zwei Waldkerne trennen, die bisher durch Hecken und Gräben locker verbunden sind. Diese Strukturen seien nicht nur „grüne Linien“, sondern funktionierten als Korridore — schmale, aber wichtige Verbindungswege.
„Ein Korridor ist in der Map wie ein sicherer Pfad zwischen Zonen“, sagte Seidel. „Er wird nicht von allen genutzt, aber von denen, die ihn brauchen.“ Wird er unterbrochen, steigen die Kosten für Bewegung: mehr Zeit im offenen Gelände, mehr Risiko, weniger erfolgreiche Wanderungen. Die Zahl der Paarungen über Patchgrenzen hinweg sinkt, auch wenn in jedem Patch noch Tiere leben.
Metapopulation: Aussterben und Wiederbesiedlung folgen anderen Regeln
Erst auf der Ebene der Metapopulation, so Yilmaz, wird klar, warum lokale Bestände verschwinden können, ohne dass die Art in der Region sofort ausstirbt — und warum die Region dennoch kippen kann.
„In einer Metapopulation ist jedes Teilgebiet wie ein Spawnpunkt“, sagte er. „Manche Spawnpunkte sind stark, manche schwach. Wenn ein Spawnpunkt ausfällt, kann er wieder aktiv werden — aber nur, wenn es Nachschub gibt.“
Das Gutachten listet als Risiken für Teilbestände vor allem extreme Sommer, späte Frostereignisse und Pestiziddrift aus der Landwirtschaft. Solche Belastungen treffen Patches unterschiedlich. Ein Tümpel im Schatten kann Amphibien durch eine Hitzewelle bringen, ein flacher Tümpel auf freiem Feld kann austrocknen. „Das ist nicht nur Pech“, sagte Seidel. „Das ist die Logik von Patches.“
Der entscheidende Punkt: Wiederbesiedlung hängt von Verbindung ab. Wenn zwischen Patches zu viele Barrieren liegen, wird aus einem Netzwerk einzelner Spawnpunkte eine Ansammlung isolierter Räume, in denen Fehler nicht mehr ausgeglichen werden.
„Man kann eine Zeit lang wie in einem Spiel weitermachen, obwohl man schon zu wenige Spawnpunkte hat“, sagte Yilmaz. „Aber dann kommt eine Runde mit viel Schaden — und plötzlich ist die Karte leer.“
Mini-Szenario 1: Das „ruhige“ Waldstück, das sich selbst ähnlicher wird
Im Gutachten steht ein Beispiel, das Seidel während der Begehung als „das ruhige Waldstück“ beschrieb: ein Patch nördlich der geplanten Trasse, umgeben von Äckern und einem Entwässerungsgraben.
Dort, so ihre Feldnotizen, seien in den vergangenen zwei Jahren viele Hinweise auf dieselbe kleine Gruppe von Haselmäusen gefunden worden — Nistmaterial an denselben Sträuchern, Fraßspuren an denselben Haselzweigen. Es wirke stabil, fast idyllisch. Doch die Stabilität sei trügerisch.
„Wenn du in einer Zone immer wieder auf dieselben Spieler triffst, fühlt es sich vertraut an“, sagte Seidel. „Aber es bedeutet auch: Es kommt kaum jemand Neues rein.“
Das hatte Konsequenzen, die die Arbeitsgruppe indirekt beobachtete. Als im Herbst ein Pilzbefall mehrere Haselsträucher schwächte, verschoben sich die Aktivitätsplätze der Tiere, aber sie blieben im Patch. Ein Wechsel in angrenzende Bereiche wurde kaum registriert. „Das Verhalten war ‘bleiben und anpassen’ statt ‘ausweichen’“, sagte Seidel.
In den Kommentaren zum Entwurf wird dieser Patch als Beispiel dafür genannt, wie Fragmentierung innerhalb eines Teilgebiets die Zusammensetzung der Tiere über Jahre prägen kann. Es ist keine Rechnung, sondern eine Beobachtung: Wer anwesend ist, bestimmt die nächste Generation, wenn kaum Austausch stattfindet.
Mini-Szenario 2: Zwei Tümpel, zwei Geschichten — und eine Barriere dazwischen
Ein zweites Beispiel dreht sich um Laichgewässer für Molche und Frösche. Südlich der Trasse liegt ein kleiner, beschatteter Waldtümpel. Westlich davon, jenseits eines Feldwegs und einer trockenen Böschung, befindet sich ein flacher Senkentümpel am Rand eines Maisfeldes.
Im Frühjahr, so die Protokolle, war im Waldtümpel die Aktivität hoch; im Senkentümpel dagegen blieb es auffällig still. Seidel sprach von „zwei Zonen mit völlig anderem Match“. Der eine Patch bot kühles Wasser und Deckung, der andere heizte schnell auf und trocknete früher.
„Wenn der zweite Tümpel in einem nassen Jahr wieder funktioniert, müsste er neu ‘bespielt’ werden“, sagte sie. „Aber dann müssen Tiere rüberkommen.“
Genau hier werde Fragmentierung zur Frage der Metapopulationsdynamik: Der Senkentümpel könne nur dann regelmäßig wiederbesiedelt werden, wenn es Wanderungen aus dem Waldtümpel oder anderen Gewässern gebe. Der Feldweg und die Böschung seien für kleine Amphibien bereits eine Hürde; eine zusätzliche Straße würde die Zahl erfolgreicher Wechsel weiter senken.
„Das ist wie zwei Spawnpunkte, die auf der Map zwar existieren, aber zwischen ihnen liegt ein Chokepoint, den kaum jemand überlebt“, sagte Yilmaz. „Dann wird der schwächere Spawnpunkt irgendwann zu Dekoration.“
Korridore, Brücken, Unterführungen: Was die Planer vorschlagen
Die Projektgesellschaft, die die Umgehungsstraße plant, verweist auf Ausgleichsmaßnahmen: Amphibientunnel, Grünbrücken und Heckenpflanzungen. Projektleiterin Anja Kroll sagte, man wolle „die Durchlässigkeit der Landschaft erhalten“. Der aktuelle Entwurf sehe zwei Querungshilfen vor, eine davon nahe eines bestehenden Feldwegs.
Seidel hielt dagegen, dass die Lage entscheidend sei. „Eine Querung ist nur dann ein Korridor, wenn sie da ist, wo die Tiere laufen“, sagte sie. „Nicht da, wo es für den Bau am bequemsten ist.“
Im Entwurf wird empfohlen, Querungshilfen an den bestehenden „Bewegungsachsen“ auszurichten: entlang von Gräben, Hecken und Waldsäumen. Außerdem soll das Lichtmanagement an Brücken angepasst werden, weil viele Arten helle Durchgänge meiden. Für die Metapopulation, so die Argumentation, sei nicht nur die Anzahl der Bauwerke wichtig, sondern die Qualität der Verbindung — ob ein Tier die Passage findet, nutzt und überlebt.
Politischer Streit, wissenschaftlicher Kern
Im Stadtrat ist das Projekt umstritten. Befürworter verweisen auf Verkehrsentlastung, Gegner auf zusätzliche Flächenversiegelung. In der Debatte sei das Wort „Fragmentierung“ häufig gefallen, sagte Ratsmitglied Jana Rosenthal, aber selten präzise. „Viele reden über ‘Natur’ im Allgemeinen“, sagte sie. „Der Bericht zeigt, dass wir über Wege, Paarung, Austausch und diese Patch-Logik reden müssen.“
Am Ende der Begehung blieb Seidel neben einem Heckenstreifen stehen, der auf den ersten Blick unscheinbar wirkte. „Das hier ist keine Zierde“, sagte sie. „Das ist eine Route.“
Auf ihrem Tablet war die Hecke eine dünne Linie zwischen zwei farbigen Zonen. Ein schmaler Korridor in einer Map, die durch einen neuen, breiten Strich verändert werden könnte. „Wenn wir auf der falschen Skala entscheiden“, sagte sie, „merken wir die Folgen erst, wenn die Spawnpunkte nacheinander ausfallen.“