Practice a real question • free

Learn faster with bite‑sized practice that actually sticks.

StudyBits turns courses into short lessons + interactive questions. Try one below, then keep going with the full course.

Build your own course
Interactive
Answer, get feedback, and move on.
Personalized
Create courses tailored to your goals.
Track progress
Stay consistent with streaks + goals.
Try a sample question
Answer it, then continue the course

Die Morgenwarte

Knowledge • Discovery • UnderstandingTuesday, March 10, 2026Reading Edition

Naturschutzrat warnt: Kleine „wirksame“ Bestände treiben genetische Drift in fragmentierter Landschaft

Ein neues Gutachten zur Waldkatze im Hainbruch-Korridor zeigt, warum Zählbestände trügen — und warum Engpässe andere Spuren hinterlassen als schleichender Rückgang.

WISSENSCHAFT & UMWELT

HAGENFELD — Freitag, 7. Februar 2026

Von Lea Kronenberg

Eine Kamerafallenaufnahme aus dem Hainbruch-Korridor zeigt eine Waldkatze an einer Unterführung nahe der B18.

Als der Naturschutzrat des Landkreises Hagenfeld am Donnerstagabend die jüngsten Kamerafallen-Zahlen zur Europäischen Waldkatze vorlegte, klang die Bilanz zunächst ermutigend: Rund 280 Tiere seien im Hainbruch-Korridor nachweisbar. Doch im Sitzungssaal des Kreishauses blieb die Stimmung gedämpft — weil, wie ein beauftragter Populationsgenetiker sagte, „nicht die Kopfzahl zählt, sondern wie viele effektiv mitmischen“.

Die Warnung steht in einem 42-seitigen Gutachten, das das Umweltamt nach zwei Wintern Feldarbeit und genetischen Proben aus Losung und Haaren in Auftrag gegeben hatte. Es beziffert die „wirksame Populationsgröße“ (Ne) der Waldkatzen im Korridor auf nur etwa 55 bis 75 — und leitet daraus eine deutlich stärkere Zufallsdrift ab, als es die reine Zählzahl (N) erwarten ließe.

„Wenn Ne klein ist, werden Zufallsereignisse zu einer evolutionären Kraft“, sagte Gutachter Dr. Ramin Seifert vom Institut für Biodiversitätsforschung Hohenau. „Wir sehen dann rasch, wie bestimmte Varianten einfach verschwinden, ohne dass sie schlechter wären.“

Driftstärke und die Rechnung hinter der Warnung

Im Gutachten wird die Drift als umso stärker beschrieben, je kleiner Ne ist. Seifert formulierte es in der Sitzung so: „Drift verhält sich grob wie 1 durch Ne. Halbieren Sie Ne, verdoppelt sich die Wucht des Zufalls.“

Kreistagsmitglieder fragten, warum bei „fast 300 Tieren“ ein Ne unter 100 herauskomme. Seifert verwies auf mehrere Mechanismen, die in den Proben und in der Revierkartierung sichtbar geworden seien.

Warum Ne oft deutlich kleiner ist als N

Das Gutachten führt drei Treiber an, die im Hainbruch-Korridor gleichzeitig wirken:

  • Ungleiche Geschlechterverhältnisse in der Fortpflanzung: In den Randgebieten entlang der Bundesstraße 18 seien weniger weibliche Tiere nachgewiesen worden. Ein Wildtierbeauftragter erklärte, mehrere Weibchen seien in den vergangenen Jahren im Straßenverkehr verunglückt. „Die Kater sind da, aber es sind zu wenige reproduzierende Katzen da“, sagte er.

  • Hohe Varianz im Reproduktionserfolg: Nach Auswertung der Verwandtschaftsmuster in den Proben stammten in einzelnen Teilflächen auffällig viele Jungtiere von wenigen dominanten Katern. „Ein paar Gewinner prägen den Genpool, viele andere bleiben genetisch ohne Spur“, sagte Seifert. Das drücke Ne, auch wenn N äußerlich stabil wirke.

  • Schwankungen über die Zeit: Das Umweltamt verwies auf zwei harte Winter und einen Ausbruch der Räude bei Füchsen, der die Beuteverfügbarkeit verändert habe. „Es gab Jahre, in denen kaum Nachwuchs durchkam“, sagte Amtsleiterin Jana Völk. Im Gutachten heißt es, dass solche Einbrüche den langfristigen Ne besonders stark nach unten ziehen, selbst wenn sich die Zählbestände später erholen.

Engpässe, Gründerereignisse und zwei verschiedene Verluste

Besonders kontrovers wurde es, als das Gutachten die Folgen zweier vermuteter Bottlenecks beschrieb: ein starker Rückgang nach dem Ausbau der B18 vor zwölf Jahren und ein kleiner „Gründertrupp“, der vor rund sechs Jahren ein neu aufgeforstetes Areal am Südhang besiedelt habe.

Die genetische Auswertung zeige, dass nach Engpässen nicht alles gleich verloren gehe, sagte Seifert. In den Proben aus dem Südhanggebiet sei die Heterozygosität weniger stark eingebrochen als die Anzahl seltener Allele. „Die durchschnittliche Durchmischung kann eine Weile ganz ordentlich aussehen“, sagte er. „Aber die seltenen Varianten sind schneller weg — und die kommen nicht einfach wieder.“

Für die Praxis bedeute das, so Seifert, dass die Population kurzfristig „gesund“ wirken könne, während ihr längerfristig Anpassungsspielräume entgleiten. Mehrere Ratsmitglieder verwiesen darauf, dass in der Öffentlichkeitsarbeit bislang vor allem auf „genetische Vielfalt“ als Sammelbegriff gesetzt worden sei. Völk kündigte an, künftige Berichte würden die Kennzahlen getrennt ausweisen.

Merksätze aus der Sitzung

In der Diskussion prägten sich mehrere kurze Formulierungen ein, die anschließend in den Beschlussvorlagen landeten:

  • Viele Tiere sind nicht automatisch viele Gene.“ (Völk)
  • Zufall gewinnt, wenn Ne klein ist.“ (Seifert)
  • Engpässe nehmen zuerst die Seltenheiten.“ (Seifert)

Fragmentierte Landschaft als Naturschutzproblem

Der Hainbruch-Korridor gilt als Musterfall für Fragmentierung: ein Mosaik aus Privatwald, Windkraft-Zufahrten, Maisflächen und zwei stark befahrenen Straßen. Ranger berichten von Tieren, die Trassen meiden und ihre Reviere „auf Inseln“ aufteilen.

„Wir haben keine zusammenhängende Fläche mehr, sondern lauter kleine Taschen“, sagte Revierförsterin Anke Schreiber. „Dann passiert das, was die Wissenschaftler hier ‚Gründerereignis‘ nennen: Ein paar Tiere schaffen es rüber, und plötzlich entscheidet deren Zufall, was im neuen Teilgebiet überhaupt vorkommt.“

Das Gutachten empfiehlt deshalb nicht nur mehr Querungshilfen, sondern auch das „Entschärfen“ der Zwischenräume: breitere Saumstreifen, Heckenverbund und eine Reduktion nächtlicher Beleuchtung an Wirtschaftswegen.

Kurzfristige demografische Risiken vs. langfristige evolutionäre Risiken

In der Sitzung prallten zwei Risikoarten aufeinander. Jäger und Landwirte drängten auf Maßnahmen gegen unmittelbare Verluste: Verkehr, Krankheiten, illegale Fallen. „Wenn die Tiere jetzt sterben, ist jede genetische Debatte akademisch“, sagte ein Vertreter der Kreisjägerschaft.

Seifert widersprach nicht, zog aber eine zweite Linie: „Demografie ist die Frage, ob die Population die nächsten fünf Winter übersteht. Evolution ist die Frage, ob sie in 50 Jahren noch die Werkzeuge hat, um auf neue Krankheiten, Hitze oder Beuteverschiebungen zu reagieren.“ Das Gutachten ordnet Straßenopfer und Reproduktionsausfälle den kurzfristigen demografischen Risiken zu — und Drift, Allelverlust und Inzuchtfolgen den langfristigen evolutionären Risiken.

Am Ende beschlossen die Kreisgremien einstimmig ein Maßnahmenpaket: Planung zusätzlicher Grünbrücken, ein Fördertopf für Hecken und Waldsäume sowie ein Monitoring, das künftig neben Zählungen auch genetische Kennwerte regelmäßig erhebt.

„Wir können uns nicht mehr leisten, nur Tiere zu zählen“, sagte Völk nach der Sitzung. „Wir müssen verstehen, wie viele tatsächlich zur nächsten Generation beitragen — sonst verlieren wir den Korridor, ohne es zu merken.“

Course
Fortgeschrittene Biodiversität & Naturschutzökologie: Muster, Me
8 units37 lessons
Topics
ÖkologieNaturschutzbiologie / Conservation SciencePopulationsgenetik und EvolutionsbiologieBiogeographieBiodiversitätsinformatik / Datenwissenschaft (ökologische Datenanalyse)Umweltökonomie
About this course

Der Kurs behandelt Biodiversität auf Arten-, Populations- und genetischer Ebene und verknüpft sie mit Anpassungsfähigkeit und Ökosystemfunktion. Räumliche Skalen (Alpha/Beta/Gamma) sowie Turnover vs. Nestedness werden mechanistisch erklärt und anhand von Szenarien interpretiert. Zentrale Diversitätsmaße (Shannon, Simpson, Hill-Zahlen) inklusive Rarefaction/Extrapolation, Unsicherheit und Bias werden quantitativ angewandt; phylogenetische und funktionelle Diversität werden konzeptuell und methodisch eingeordnet. Treiber des Biodiversitätswandels (Landnutzung, Übernutzung, Invasionen, Verschmutzung, Klima) und ihre Synergien werden analysiert. Darauf aufbauend werden evidenzbasierte Schutzplanung, Monitoring, Evaluation und adaptives Management unter Einbezug von Politik, Ökonomie, Ethik und realen Datenworkflows vermittelt.