Elbauen Tagespost
Stadtrat streitet über „Biodiversität“: Mehr Holz ist nicht automatisch mehr Vielfalt
Bei einer Anhörung zur Flussauen-Renaturierung prallen Zahlen zur Biomasse und Versprechen über Naturreichtum aufeinander — Fachleute greifen zu Beispielen aus Gaming und Waldwirtschaft, um Begriffe zu trennen.
WISSENSCHAFT & UMWELT
MAGDEBURG — Freitag, 7. Februar 2026
Von Lina Hartmann

Als der Magdeburger Stadtrat am Donnerstagabend über die Renaturierung eines Elbe-Nebenarms diskutierte, reichte ein Diagramm mit steigender „Biomasse“ aus, um Jubel auszulösen — bis eine Biologin die Sitzung stoppte und sagte, das Wort „Biodiversität“ werde hier gerade falsch verwendet.
Die Anhörung drehte sich um ein Projekt, bei dem auf 120 Hektar Auenfläche neue Gehölzstreifen, Feuchtmulden und Blühflächen entstehen sollen. Projektleiter der Baufirma AuenWerk, Torsten Klamroth, präsentierte Prognosen: „Wir erhöhen die Biomasse deutlich. Mehr Pflanzen, mehr Wachstum, mehr Natur.“
Im Saal nickten mehrere Ratsmitglieder. „Dann steigt die Biodiversität ja automatisch mit“, sagte ein Abgeordneter der Bürgerliste. Andere griffen den Begriff „Naturreichtum“ auf. „Wenn es üppiger aussieht, ist es doch reicher“, sagte eine Anwohnerin am Mikrofon.
Dr. Farah Mertens, Ökologin an der Hochschule Elbe-Nord, bat um eine Zwischenfrage. „Das klingt plausibel, ist aber nicht dasselbe“, sagte sie. „Wir sollten klar unterscheiden: Biodiversität, Biomasse und Naturreichtum sind drei verschiedene Dinge, auch wenn sie sich manchmal gemeinsam verändern.“
Ein Wort, drei Messungen — und ein Streit um Fördergelder
Hinter der Wortwahl steckt Geld. Das Projekt bewirbt sich um Landesmittel, die an „Verbesserungen der Biodiversität“ geknüpft sind. In den Unterlagen, die im Rat kursierten, tauchten jedoch vor allem Tonnenzahlen zu Aufwuchs und Holzvorrat auf.
„Wir haben Kennzahlen, die gut aussehen“, sagte Klamroth später vor Journalisten. „Was am Ende zählt, sind messbare Erfolge.“
Mertens hielt dagegen: „Biomasse ist Menge. Biodiversität ist Vielfalt. Naturreichtum wird oft als Gefühl benutzt, kann aber auch als Sammelbegriff für viele Werte stehen — Arten, Lebensräume, Boden, Wasser, Landschaft.“
Gaming-Vergleich bringt den Saal zum Lachen — und zur Ruhe
Als der Vorsitzende nach „einfachen Worten“ fragte, griff Mertens zu einer Analogie, die überraschend gut ankam.
„Stellen Sie sich ein Spiel vor“, sagte sie. „Sie können am Ende eines Raids einen riesigen Berg Loot haben — das ist Biomasse: viel Zeug. Aber wenn es 500 Mal derselbe graue Helm ist, ist das keine Vielfalt.“
Einige Ratsmitglieder lachten, andere zückten Handys. Mertens blieb bei der Linie: „Biodiversität wäre, wenn der Loot aus vielen verschiedenen Item-Typen besteht — unterschiedliche Seltenheiten, Funktionen, Set-Boni. Und Naturreichtum ist dann das Gesamtbild: Loot, Maps, Quests, Skins, all das, was das Spiel ‘reich’ macht.“
Klamroth erwiderte: „Am Ende wollen die Leute doch mehr Grün sehen.“
„Mehr Grün kann auch mehr vom Gleichen sein“, sagte Mertens.
Naturvergleich: Wald „mit viel Holz“ versus Wald „mit vielen Arten“
Später zeigte Mertens Fotos aus zwei nahe gelegenen Forstflächen. In der ersten Aufnahme war eine dichte, gleichaltrige Pflanzung zu sehen. „Hier haben Sie viel Holzmasse“, sagte sie. „Einheitlich, schnell wachsend.“
In der zweiten Aufnahme stand ein gemischter Bestand mit unterschiedlichen Baumarten, Sträuchern und lichten Bereichen. „Hier haben Sie weniger Holz pro Hektar — aber mehr Arten, mehr Nischen, mehr unterschiedliche Lebensräume.“
Der Förster der Stadt, Jürgen Dahlke, bestätigte die Beobachtung: „Ein Bestand kann ‘voll’ wirken und trotzdem biologisch arm sein. Und ein strukturreicher Wald wirkt für Laien manchmal unordentlicher, ist aber oft wertvoller.“
Typische Missverständnisse — und Gegenbeispiele aus dem Projektgebiet
Mehrfach tauchten in der Diskussion Behauptungen auf, die Mertens als „typische Kurzschlüsse“ bezeichnete.
Missverständnis 1: „Mehr Biomasse = mehr Biodiversität.“
Ein Ratsherr verwies auf die geplanten Weidenpflanzungen am Ufer: „Wenn dort alles zuwächst, kommen doch automatisch mehr Tiere.“
Mertens brachte ein Gegenbeispiel aus einer Nachbargemeinde: „Dort wurde auf einer Fläche konsequent eine Art gefördert. Die Biomasse stieg, aber es gab weniger Blütenpflanzen, weniger Insektenarten und am Ende weniger Vögel. Viel Masse, wenig Vielfalt.“
Missverständnis 2: „Naturreichtum heißt einfach: Es sieht üppig aus.“
Eine Bürgerin sprach von „Naturreichtum“, weil eine ehemalige Kiesgrube inzwischen dicht bewachsen sei. „Das ist doch ein Naturparadies.“
Dahlke widersprach vorsichtig: „Üppig kann auch heißen: eine dominante Art hat alles übernommen. Dann ist es für manche Arten schlechter als vorher.“ Er verwies auf Bereiche, in denen hochwüchsige Bestände andere Pflanzen verdrängt hätten.
Missverständnis 3: „Biodiversität ist nur Artenzahl.“
Ein Vertreter des Angelvereins sagte: „Wenn wir einfach eine Liste machen und mehr Arten draufstehen, ist das Ziel erreicht.“
Mertens konterte mit einem Beispiel aus dem Nebenarm: „Wenn viele Arten da sind, aber alle in winzigen Reststreifen ohne Verbindung, ist das fragil. Vielfalt betrifft auch Lebensräume und Struktur — ob es Plätze zum Brüten, Verstecken, Überwintern gibt.“
Konsequenzen: Ausschreibung wird geändert, Monitoring wird strenger
Am Ende der Sitzung beschloss der Umweltausschuss, die Förderanträge zu überarbeiten. Künftig sollen neben Biomasse-Indikatoren auch Kriterien zur Arten- und Lebensraumvielfalt erfasst werden. In den Entwurf wurde außerdem ein unabhängiges Monitoring aufgenommen, das nicht von der Baufirma selbst durchgeführt wird.
„Wir müssen sauber benennen, was wir meinen“, sagte Ausschussvorsitzende Katja Rohde. „Sonst zahlen wir für viel Wachstum und nennen es Vielfalt.“
Klamroth sagte, seine Firma werde mitziehen: „Wenn zusätzliche Erhebungen gefordert sind, werden wir sie liefern.“
Mertens verließ das Rathaus später mit gemischten Gefühlen. „Ich bin froh, dass wir darüber gesprochen haben“, sagte sie. „Wenn wir Biodiversität sagen, sollten wir nicht nur die Menge zählen, sondern die Unterschiedlichkeit. Sonst verlieren wir das, was wir eigentlich schützen wollen.“